Startseite Essay Fotogalerie Links Kommentar Knotakt English
   
 

Off The Wall

Die Wände sprechen zu uns

Historische Betrachtung

 

Intro

In 2004 habe ich mit Kamera, Notizblock und Fahrrad ausgerüstet die Strassen Berlins durchstreift und habe den oft nicht wahrgenommenen Dialog, Graffiti genannt, gesucht. Für viele ist Graffiti ein öffentliches Ärgernis. Viel Geld wird für die Beseitigung ausgegeben, und strenge Strafen werden für die Missetäter gefordert. Andere betrachten Graffiti als Kunst. Wie immer man darüber denken mag – die Diskussion darüber wird zweifellos weitergehen –sehen manche Berlin als die Graffitiwelthauptstadt. Der anscheinend endlose Vorrat an riesigen, fensterlosen, nackten Wänden und anderen passenden Oberflächen bildet die ideale Leinwand für wagemutige Künstler und Ideologen, um ihre Botschaften in die Öffentlichkeit zu tragen.

Die vielfältigen Graffitis spiegeln oft die in der Gesellschaft zur Zeit ihrer Herstellung vorherrschenden Themen wider. Die weniger interessanten "tags" dienen zur Gebietsmarkierung. Ich habe mich besonders für die Graffitis interessiert, die eine Aussage enthalten. Während ich fotografierend durch Berlin streifte, bemerkte ich, wie die Stadt zum Leben erwachte. Die Wände sprachen mich mit einem Chor faszinierender und Gedanken anregender Botschaften und Bilder an. Ich wurde ihr williges Publikum.

Am Anfang betäubte mich der Lärm, als ob ich mitten in einem Raum voller Leute wäre, die brüllend um meine Aufmerksamkeit kämpften, einige in längere verbale Attacken vertieft, andere in Poesie, alle aber sehr laut. Bald gewöhnten sich meine Sinne an die Reizüberflutung. Gewisse thematische Muster wurden erkennbar: herausragende Themen waren Widerstand gegen die USA, die Globalisierung, den Faschismus, den Kapitalismus, den Krieg, sowie die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern.

 

Einige Bilder beschäftigten mich recht lange, andere nicht, alle erinnerten mich an Jenny Holzer, deren Kunst von Graffiti inspiriert sein muss. Der folgende Essay ist das Ergebnis der Einwirkung der Botschaften in öffentlichen Räumen auf mich. Von den vielen Gedanken möchte ich einen hier hervorheben: es ist interessant zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung der Außenwelt mit dem Wechsel der Blickrichtung verändert.

Back to top

 

Off The Wall

Es ist sicher ein Luxus, sich in größeren Städten mit den massenhaften, farbenfrohen, auf allen möglichen Oberflächen mit Tinte oder Farbe geschriebenen oder eingekratzten Botschaften zu beschäftigen. Die meisten haben sicher nicht genug Zeit für dieses einfache Vergnügen. Es gibt zu viele andere Dinge, wie den Lärm des vorbeifahrenden Verkehrs, die Heerscharen gehetzter Bürger, die ihre tägliche Wanderung von und zur Arbeit zurücklegen oder die farbenreichen Blöcke unleserlicher „tags“, die fast alles bedecken. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit würde es eine Katastrophe auslösen, wenn wir nicht selektiv ausblenden würden.

 

In jeder Sekunde stürmen ca. 2400 einzelne Informationsteilchen auf uns ein, eine riesige Menge Sinneseindrücke! Neben dem leisen Brummen unserer inneren Maschinerie und den tausenden unbewussten Muskelbewegungen und elektrischen Impulsen, die unsere Körper am Leben erhalten, werden wir von unseren fünf Sinnen, die ununterbrochen eine Fülle von Informationen erfassen und ans Gehirn weiterleiten, beansprucht. Natürlich laufen die meisten Prozesse unbewusst ab. Daher erinnert man sich auch meist nicht daran, wann man zum letzten Mal seinen Herzschlag gespürt hat oder daran, wie sich die Füße in den Socken anfühlen. Wenn es uns irgendwie möglich wäre, all diese Informationen aufzunehmen und in unser Bewusstsein zu bringen, würde uns deren Quantität überfordern.

Always be nice! To everyone!

Die selektive Wahrnehmung wird somit zu einer essenziellen Überlebensstrategie. Wenn wir uns jede Nachricht anschauen wollten, die auf Wänden, auf Toilettentüren, auf Gebäuden oder anderen öffentlichen Plätzen geschrieben oder geklebt sind, hätten wir sicherlich Schwierigkeiten, Dinge des Alltags innerhalb eines angemessenen Zeitraumes zu erledigen. Das bedeutet nicht, dass zum Nachdenken anregende Aussagen in Form von Graffi ti, Postern oder Bildern nicht manchmal doch unsere Aufmerksamkeit erregen und in unser Bewusstsein vordringen, ob wir es nun wollen oder nicht. In diesem Sinne ist Graffi ti eine öffentliche, wenn nicht gar die öffentlichste Form überhaupt, eine Nachricht einer großen Anzahl von Menschen zugänglich zu machen.

Diejenigen, die diese Form der ungewöhnlichen Präsentation und des Meinungsaustausches nutzen, haben die Idee der Werbung aufgenommen und auf den Kopf gestellt. Während große Firmen viel Geld ausgeben, um in der Öffentlichkeit ihre Logos zu präsentieren, erzielen Sprayer und andere - manchmal abseits legaler Wege - den gleichen Effekt. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie etwas in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen wollen. Im Unterschied zum Graffi ti liegt Sinn und Zweck professioneller Werbung in der Erzielung von Profit.

 

Graffiti kann man als eine Art öffentliches Forum verstehen, in dem verschiedene Ideen und Meinungen geäußert und ausgetauscht werden, die zum Nachdenken anregen sollen. Jeder erinnert sich bestimmt an den einen oder anderen interessanten Schlagabtausch, der auf Toilettentüren in öffentlichen Gebäuden geschrieben war. Der Dialog, der mit der Zeit entsteht, spiegelt die Meinung eines bestimmten Teils der Gesellschaft wider.

Without advertising, With advertising

Es gibt keine Moderatoren und keine Aufnahmebedingungen, keine Regeln oder bestimmte Themen, die behandelt werden müssen. Der Dialog, der dabei entsteht, ist grenzenlos. Das Ergebnis ist eine Interaktion der Öffentlichkeit mit dem Raum, in dem sie sich bewegt. Obwohl wir diesen lautlosen Diskurs meist nicht bewusst wahrnehmen, passiert es ab und an, dass etwas, was wir auf eine Mauer geschrieben sehen, unsere Aufmerksamkeit erregt und den Weg in unser Bewusstsein schafft. Dieses fungiert quasi als Trichter, das den Überfl uss an einströmenden Sinneseindrücken zu einem Tröpfeln reduziert, damit wir im Stande sind, sie zu verarbeiten.

 

Wir verinnerlichen den Dialog und weiten den Raum, in dem dieses Forum stattfi ndet, auf unser eigenes Bewusstsein aus. Interaktion, wie sie in diesem „angeeigneten” Raum stattfi ndet, muss nicht notwendigerweise zwischenmenschlich sein, wie man an der Kettenreaktion der Gedanken und Assoziationen sehen kann, die durch die Begegnung mit einem besonders einnehmenden Bild oder Satz ausgelöst wird.

Back to top

 

Die Wände sprechen zu uns

Wenn Wände sprechen könnten, bräuchte man in Berlin Ohrenstöpsel. In der deutschen Hauptstadt scheint es fast so, als wäre mehr Fläche besprüht als freigelassen. Die Sprayer nehmen Einiges auf sich, um ihre Ideen auf Dächern und Hauswänden zu präsentieren, von wo sie ein möglichst großes Publikum erreichen. Eine nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen europäischen Städten sehr häufi g anzutreffende Nachricht ist die Opposition gegen die USA.

Seit der Irak-Invasion gab es in der europäischen Graffi ti-Szene eine Flut von Nachrichten gegen Krieg, George Bush und die USA . Manche der Aussagen kritisieren vermeintliche Fehler der amerikanischen Führung und Außenpolitik, während andere für Gewalt und Aggression gegen die Vereinigten Staaten werben, ohne zwischen politischen und soziokulturellen Sphären zu unterscheiden. Die Zunahme antiamerikanischen Sentiments in Europa seit dem Beginn des Irak-Krieges manifestiert sich im deutlichen Anstieg antiamerikanischer Graffi ti, die sich über die europäischen Städte verteilen.

Back to top

Obwohl dieses Graffiti auf den ersten Blick eine direkte Reaktion auf die von den USA angeführten militärischen Operationen zu sein scheint, ist die exakte Form der Aggression, gegen welche wir uns verteidigen sollen, offen gelassen. In einem Europa, in dem Musik, Filme, Fernsehshows, Fastfood und Markennamen einen Umsatz von mehreren Milliarden Euro im Jahr generieren, sind die Möglichkeiten, amerikanische Aggression außerhalb eines rein militärischen Kontextes zu interpretieren, jedoch offensichtlich.
In this variation we see the Palestinian, Cuban, and North Korean flags with a call to “participate.”
 

Historische Betrachtung

Im Sommer 2003 konnte man auf einem der letzten Mauerstücke der East Side Gallery ein großflächiges Bild sehen, das aus einer deutschen Flagge bestand, auf welche eine israelische Flagge aufgemalt war. Es ist ein sehr bezeichnendes Bild, da es drei Hauptbestandteile kombiniert, die das vergangene halbe Jahrhundert deutscher Geschichte dominierten: die israelische Flagge in die deutsche Flagge eingebunden erinnert Deutschland daran, dass seine eigene Geschichte für immer an die Schrecken des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges gebunden ist; ebenso erinnert die deutsche Flagge eingebunden in die israelische die Juden und den Staat Israel daran, wie untrennbar ihre Geschichte mit der deutschen verbunden ist. Dieses aussagekräftige Bild war nicht etwa auf eine Leinwand gemalt, sondern auf die physische Grenze, welche eines der Ergebnisse des Krieges darstellte.

Ein Jahr später hatte sich das Bild verändert. Nun tauchte im Intermezzo zwischen der deutschen und der israelischen Flagge eine dritte Flagge auf – und zwar die palästinensische. Welche Aussage wollte der Künstler mit dieser neuen Flagge machen? Was war die Motivation?

 

Man kann die Einbeziehung der palästinensischen Flagge auf viele verschiedene Weisen deuten. Die Aussage könnte sein, dass die Geschichte des palästinensischen Volkes ebenso unablösbar an die Beziehung zwischen Israel und Deutschland gebunden ist, dass das palästinensische Volk, als Resultat des Zweiten Weltkrieges, ebenso Leid ertragen musste. Oder geht es um die momentane, kontrovers diskutierte Situation zwischen Israel und Palästina und es sollte darauf hingewiesen werden, dass die Palästinenser weiterhin als Opfer der israelischen Besatzung leiden müssen?

Freedom for Palestine
 

Unabhängig von der Interpretation ist offensichtlich, dass Hauptintention in der Verbindung dieser drei lag.

 

Aber was geschieht, wenn man unterschiedliche persönliche Interpretationen beiseite lässt und einen historischen Blick auf die Frage wirft, wie genau die Palästinenser in die Geschichte verwoben sind, die in dieser Wandbemalung steckt?

Der bekannte Historiker und Orient-Experte Bernard Lewis schreibt: „Die enge und manchmal aktive Beziehung, die sich in den Jahren von 1933 bis 1945 zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Kreisen der arabischen Führung entwickelte, ging nicht von einer deutschen Bemühung aus, die Araber auf ihre Seite zu bekommen, sondern beruhte eher auf einer Reihe von arabischen Annäherungen an die Deutschen. [...] Der hauptsächliche Architekt der Allianz des deutschen Nationalsozialismus, des italienischen Faschismus und des arabischen Nationalismus während des Krieges war der Mufti von Jerusalem Haj-Hamin Al Husseini, Vorsitzender des Arab Higher Committee (AHC), der 1933, kurz nachdem Hitler an die Macht kam, zum ersten Mal an das deutsche Konsulat herantrat. Sein kurzfristiges Anliegen war das Aufhalten und die Beendigung der jüdischen Ansiedlung in Palästina. Darüber hinaus aber hatte er den viel größeren Plan eines Heiligen Krieges des Islams an der Seite Deutschlands gegen das „Weltjudentum”, um die „Endlösung” des jüdischen Problems in der ganzen Welt zu erreichen.”

Der Mufti von Jerusalem war auch für die Erschaffung einer Freiwilligen-Division der Waffen-SS von Muslimen aus Bosnien und Herzegowina verantwortlich, welche für die Vernichtung der jugoslawischen Juden mit verantwortlich war. Die arabische Welt kämpfte letztendlich gegen die gleichen Feinde wie die Deutschen, gegen die Briten, die Franzosen und die Juden, wobei die besondere Feindseligkeit gegenüber den Juden und der zionistischen Bewegung sowohl in der deutschen Propaganda gegenüber den Arabern als auch in den arabischen Annäherungen an die Deutschen betont wurde.

Auf den ersten Blick scheint es eigentümlich zu sein, dass Nazideutschland sich mit Völkern verbuendete, die als Semiten angesehen wurden und demnach ebenso wie die Juden als minderwertig galten. In einer Rede kurz vor dem Ausbruch des Krieges 1939 bezeichnet Hitler selbst die Völker des Mittleren Ostens wie andere Nicht-Europaeer als „angemalte Halbaffen, die die Peitsche fuehlen wollen.” Im Ende siegten praktische Erwägungen über den ideologischen Widerstand. Die Araber genossen einige deutsche Unterstuetzung und spielten eine geringe Rolle im kontinentaleuropaeischem Krieg.

Selbst nach der endgültigen Niederlage des Dritten Reiches waren prodeutsche Einstellungen weiterhin in starkem Maße vorhanden. „Die militanten Anführer des arabischen Nationalismus, sowohl die rechten als auch die linken Fraktionen, sahen HitlerDeutschland als Vorbild eines erfolgreichen Nationalismus, und eine inspirierende Anleitung und Hilfe bei den Bemühungen gegen ihre beiden großen Feinde, den Westen und die Juden.”

Die engen Beziehungen zwischen den Palästinensern, der arabischen Welt und dem faschistischen Europa sind gut dokumentiert. Es soll hier jedoch nicht die Rolle der arabischen Welt während des Dritten Reiches und danach als Träger der nationalsozialistischen Ideologie vertiefend diskutiert werden. Vielmehr soll das Bild in einen historischen Kontext gestellt werden.

Solidarity with Israel, Germany never again

Vermutlich hatte der Künstler nicht die Absicht, auf die vergangene Kollaboration der Palästinenser mit den Nationalsozialisten anzuspielen. Genauso werden die Passanten, die an diesem Bild vorübergehen, kein Problem damit haben, Deutschland aufgrund des Holocausts mit Israel zu assoziieren, sowie Israel mit Palästina durch die immer wiederkehrenden Selbstmordanschläge und Vergeltungsschläge, über welche überall in den Medien berichtet wird. Der letzte Schenkel des Dreiecks jedoch, die Beziehung zwischen Palästina und Deutschland – deren Kenntnis ebenso wichtig ist, um die heutigen Probleme zwischen Israelis und Palästinenser zu verstehen – erhält wahrscheinlich recht wenig Aufmerksamkeit im Vergleich zu den beiden anderen offensichtlichen Assoziationen.

 

Diese komplexe Situation ruft die Frage hervor: Wer muss die Einbettung in den historischen Kontext vornehmen, der Betrachter oder der Künstler? Ist es überhaupt notwendig, dass Kunst innerhalb eines historischen Kontextes präsentiert wird?

Das Bild fordert sicherlich zu Diskussionen heraus. Vielleicht war das die künstlerische Absicht?

Back to top

STARTSEITE | ESSAY | FOTOGALERIE | LINKS | FORUM | KONTAKT | ENGLISH

All good things come from above The boarder does not run between the people, but rather  between top and bottom Photo by Jiri Herman, Athens 2003 Foresight is the power of the more intelligent > > > > > > > >